

Magie beginnt dort, wo etwas geschie-
ht, ohne dass wir Zeuginnen und Zeugen
eines sichtbaren Vorgangs werden. Magie
gehört erst dem Element Äther, ist dann
eine Verdichtung im Raum, eine mini-
male Verschiebung, ein kaum merklicher
Druckwechsel, der uns daran erinnert, dass
Wahrnehmung größer ist als das, was man
beweisen kann. Sie entzieht sich der Logik
und wirkt genau dann, wenn wir bereit sind,
für einen Moment zu glauben, dass Bedeu-
tung nicht immer eine Erklärung braucht.
Im Alltag taucht Magie als Fügung auf, als
Synchronizität, als jene Art von Moment,
die sich wie eine Antwort anfühlt, bevor man
überhaupt eine Frage gestellt hat. Magie
ist nicht das Spektakel der Bühnenillusion,
auch wenn sie damit zu spielen vermag: das
Kaninchen im Hut, der zersägte menschli-
che Körper, Entfesselung, Hellsehen, Hyp-
notisieren, Verschwindenlassen, Schweben
und Teleportation.
Doch im Kern ist Magie das Gegenteil von
Lärm, von Show, von Manipulation. Sie ist
das, was jenseits der Ablenkung passiert. Sie
ist nicht der Trick. Sie ist die Stille, in der
ein Gedanke Form annimmt und plötzlich in
die Welt fällt. Magisch sind jene Momente,
die sich als Fügung oder Synchronizität ent-
puppen, sobald wir aufhören, sie Zufall zu
nennen.
ABRAKADABRA
ABRAKADABR
ABRAKADAB
ABRAKADA
ABRAKAD
ABRAKA
ABRAK
ABRA
ABR
AB
A
Hokuspokus fidibus.
Dreimal schwarzer Kater.
Text: Elisa Mosch
In der Gruppenausstellung ABRAKADABRA tref-
fen die Positionen von Albrecht und Wilke, Arno
Beck, Lukas Glinkowski, Michael Günzer, Tom
Gully, Hyperweirdkids, Hyunjin Kim, Xiaozhou
Liao, Tamara Malcher, Julian Wolfgang Schreiner,
Sophie Ullrich und André Wendland aufeinander.
Nicht als starres Statement, sondern als beweg-
liche Begegnung. Die Arbeiten verbinden sich im
Raum, kreuzen ihre Energien, widersprechen sich,
ergänzen sich. Jede Position bringt eine eigene For-
mel der Magie mit, und erst im Nebeneinander ent-
steht ein Resonanzraum, in dem neue Bedeutungen
aufblitzen.
Albrecht und Wilke sind Maler: sie malen,
was sie sehen. Sie malen, was gut ist. Und das
ist merkwürdig. Arno Beck überführt digitale
Wirklichkeiten in analoge, und Lukas Glinkow-
ski zeigt Eindrücke, die zu Motiven werden
und sich doch entziehen. Während Michael
Günzer Körper ineinanderlaufen lässt, bis sie
ins Abstrakte kippen, verbindet Tom Gully
Motive, die das Spielerische, Zauberhafte und
Düstere in immer neue Bildräume führen.
Hyperweirdkids übersetzen historische Sym-
bolkraft in neue Formen des Sehens, und
Hyunjin Kim zeigt, wie Skulpturen wachsen
können, wenn man dem organischen Denken
Raum und Leinwand gibt. Xiaozhou Liao baut
ganze Bildwelten in Skulpturen und Bühnen,
die der realen Welt entsprechen und ihr doch
bewusst entgleiten, während Tamara Malcher
biomorphe Körper malt, die sich mit Farbe
verschränken und dynamische Formen frei-
setzen. Julian Wolfgang Schreiner lässt Wel-
ten aufeinandertreffen, die sich widersprechen
und doch im Bild zusammenfinden, oft mit
Humor. Sophie Ullrich lässt in ihren Bildern
Katzen Geister vertreiben und die Unsicht-
baren im Motiv halten. Und André Wend-
land malt Weiches, Leuchtendes, Zusammen-
wachsendes, in die Leinwand Gezaubertes.
Diese Ansätze führen weniger zu einer Er-
läuterung von Tricks als zu einem Verständnis
von Magie als Ausspruch, von Kunst als Han-
dlung und beides gemeinsam als Formgebung
von Welten, die vom Innen ins Außen gelan-
gen. Denn Magie ist ein Akt des Erschaffens.
Doch Erschaffen braucht zunächst eine Vor-
stellung, ein inneres Bild, eine Ahnung dessen,
was existieren könnte. Kunst übersetzt dieses
Unsichtbare in eine Form, die sich betracht-
en lässt. Sie macht sichtbar, was zuvor nur als
Möglichkeit existierte.
Kunst und Magie folgen derselben Logik: der
Verwandlung von Gedanken in Wirklichkeit.
Eine Wirklichkeit, die nicht wirklich sein muss.
Denn wer entscheidet, was real ist. Sie sind,
weil sie gedacht wurden. Sie wirken, weil sie
Form geworden sind, weil sie gemeinsam im
Raum stehen, weil sie ihre eigene Bühne sind.
Elisa Mosch